Andacht vom 10. Oktober 2020

Nachricht 10. Oktober 2020

Danke, Kussi!

Die Autorin und Kolumnistin Verena Maria Dittrich wurde Anfang Juli wüst beschimpft. Die Beleidigungen reichten von „dumme Feministen-Bitch“ über „Nutte“ bis „dumme Schlampe“.  Sie hatte sich nach einer Talkshow lediglich auf Twitter dafür ausgesprochen, dass man die Meinung von Frauen als Fachleuten erster nehmen solle. Dann trafen die Beleidigungen ein. Sie stand vor der Wahl: Zurückbeleidigen? Argumentieren? Schweigen? Sie entschied sich für einen Weg der intelligenten Ironie. Sie schrieb: „Sooo lieb, danke! Kussi.“

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, heißt es in der Bibel. „Wenn dein Feind Hunger hat, gibt ihm zu essen, wenn er Durst hat, gib ihm zu trinken.“ Das ist nicht wehrlos, sondern hintersinnig. Der christliche Verzicht auf Rache denkt strategisch. „Wenn du dies tust“, so die Bibel weiter, „dann wirst du glühende Kohlen auf sein Haupt häufen.“ Also doch Rache, irgendwie? Nein. In biblischer Zeit wurde Erz in einem Schmelzofen verhüttet. Zuerst wurde eine Schicht Kohle ausgebracht, dann kam das Erz darauf und obendrauf wieder eine Schicht glühender Kohle. Dadurch wurde es so heiß, dass das Metall ausfloss und nur die Verunreinigungen zurück blieben. Wer einen Beleidiger freundlich behandelt, schmilzt seine Härte, beschämt ihn und gibt seinen guten Eigenschaften eine Chance.

„Sooo lieb, danke! Kussi.“ Sich nicht einlassen auf den geschmacklosen Inhalt, nicht gegenargumentieren, nicht aufregen, sondern einfach lässig und ironisch parieren, als hätte der Beschmipfer gerade das größte Kompliment gemacht. Das nenne ich souverän!

Sören Bein, Pastor in Sülze