Abschied von einem Licht in der Heide: Die Kirche „Zum Guten Hirten“ in Lohheide ist entwidmet

Pressemitteilung 13. Januar 2026

An einem Adventssonntag hallte zum letzten Mal die Glocke der kleinen Kirche zwischen den Kiefern in der Siedlung Hasselhorst im Bezirk Lohheide. Regionalbischöfin Marianne Gorka profanierte das Gotteshaus. Der Gottesdienst thematisierte unter anderem Fragen nach Glauben, Heimat und Wandel.

Gemeinsam mit Haupt- und Ehrenamtlichen der Gemeinde St.-Lamberti Bergen bereitet Regionalbischöfin Marianne Gorka in einem Abschiedsgottesdienst die Entwidmung der Kirche „Zum Guten Hirten“ in Lohheide vor. Foto: Anne-Katrin Schwanitz

Die Kirche „Zum Guten Hirten“ in der Siedlung Hasselhorst im gemeindefreien Gutsbezirk Lohheide war als Symbol des Neuanfangs nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden. Am 19. Dezember 1954, dem vierten Adventssonntag, wurde sie feierlich eingeweiht – genau 71 Jahre vor ihrer Entwidmung. Zunächst diente ein Klassenraum der neu errichteten Schule als Provisorium für Gottesdienste, wo Predikant Seipold die seelsorgerische Betreuung übernahm.

Zeitgenössische Zeitungen priesen die Kirche als „Zufluchtsstätte für alle Mühseligen und Beladenen“ (Archivbild)

Die wachsende evangelisch-lutherische Gemeinde aus Geflüchteten und Vertriebenen – vor allem aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien – brauchte jedoch ein eigenes Haus Gottes inmitten des Truppenübungsplatzes Bergen-Belsen. Hier prägten Zwangsräumungen, militärische Präsenz und existenzielle Unsicherheit das Leben. Zeitgenössische Zeitungen priesen die Kirche als „Zufluchtsstätte für alle Mühseligen und Beladenen“ – einen geistlichen Gegenpol zur Härte der Zeit, der schnell zum Mittelpunkt von Gottesdiensten, Taufen, Trauerfeiern und Gemeindeabenden wurde.

Glanzjahre und Ausstattung: „Wohnstube“ für Generationen von Familien

In den 1950er-Jahren füllte sich die schlichte Kirche mit lebendigem Gemeindeleben. Ein großformatiges Altarbild des Bremer Kunstmalers Rudolf Schäfer stellte das Abendmahl dar, eine neue Orgel mit acht Registern und Glocken, die über die Heide hallten, bereicherten den Gottesdienst. Die Gemeinde, organisatorisch der St. Lamberti Kirche in Bergen zugehörig, wuchs zeitweise auf rund 2.000 Mitglieder an und wurde zur „Wohnstube“ für Generationen von Familien. Namen wie die Familie Zieseni, Pastoren Hentsch, Seipold und Berndt prägten diesen Ort als Zuflucht vor der Isolation am NATO-Übungsplatz. Kinderchor, Frauenchor und Laienspiele machten die Kirche zum pulsierenden Herzen des Gutsbezirks Lohheide.

Der bittere Entschluss: 700.000 Euro Sanierungskosten

Seit August 2024 stand fest: Die Kirche muss gehen. Sanierungen im Umfang von 700.000 Euro sind für die schrumpfende Bergener Gemeinde unhaltbar. Pastor Axel Stahlmann teilte dies 60 Lohheidenern mit – Wehmut mischte sich mit der Erkenntnis eines möglichen Abrisses. „Für mich wäre es das Schlimmste, dass eine Kirche verfällt. Sie wäre dann ein unübersehbares Sinnbild für das, was im Moment mit der Kirche an sich passiert“, sagte er. Kein Denkmalschutz schützt das Gebäude; stattdessen Gespräche mit der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) um einen Kauf und Rückbau. Die Evangelische Landeskirche Hannover prüft den Verkauf streng: „Die Kirche wird in der Wahrnehmung der Menschen immer eine Kirche bleiben.“

Pastorin Anna Wißmann und Pastor Axel Stahlmann von der St. Lamberti Gemeinde Bergen würdigen die Lohheider Kirchengemeinde im Entwidmungsgottesdienst. Im Hintergrund das Altarbild. Es ist das letzte Bild von Rudolf Schäfer (1878-1961), von dem auch die Wandbilder in der St. Johannis-Kirche in Soltau stammen. Er hat dieses Bild als Achtzigjähriger gemalt. Das vom Kirchenvorstand vorgegebene Thema war: „Dir sind deine Sünden vergeben“. Foto: Anne-Katrin Schwanitz

Letzter Gottesdienst: Wehmut und persönliche Lebenswege

Am 21. Dezember 2025, erneut am vierten Adventssonntag, vollzog Regionalbischöfin Marianne Gorka die Entwidmung – ihren dritten Akt dieser Art in zwei Jahren. In einer berührenden und wertschätzenden Predigt erzählte sie die Kirchengeschichte entlang fiktiver, doch archetypischer Biografien realer Gemeindemitglieder, die die Lebenswege von drei Generationen beleuchteten. Hertha, die Vertriebene aus dem Osten, kam mit ihrem ererbten Brotteller („Unser täglich Brot gib uns heute“) an und fand Trost in der neuen Kapelle nach Flucht und Lagerleben. Ihr Sohn Fritz wurde unter Pastor Seipold konfirmiert, suchte im Schäferbild Ruhe („Den Seinen gibts der Herr im Schlaf“) und schätzte die Kirche als „gutes Gefühl“ in unsicheren Zeiten. Enkelin Marie liebte Jugendgruppen und träumte von einer Jugendkirche, während das alte Röhrenradio von Schlagerhits zu Ed Sheeran wechselte.

Regionalbischöfin Marianne Gorka während ihrer Abschlusspredigt. „So schauen wir dankbar zurück. Denken an all die Menschen, die hier Gemeindeleben hineingebracht und befördert haben, die hier ein und ausgingen: die Täuflinge, Konfirmandinnen und Konfirmanden, grüne Braut- und hohe Jubel-Paare, Verstorbene, das Lachen und das Weinen.“ Foto: Anne-Katrin Schwanitz

„Es bricht einem das Herz“, bekannte Gorka und zitierte die Losung von 1954 aus Jeremia („Ihr seid alle abgefallen!“) sowie Jesus („Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, auf dass, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe“). Sie würdigte Taufbecken, Konfirmanden, Brautpaare und Verstorbene: „Hier haben Menschen Freude und Leid geteilt, sich im Glauben gestärkt – das fehlt und macht uns tief traurig, dass wir immer weniger werden.“ Dennoch Trost: „Um in Beziehung mit Gott zu sein, braucht es keine Mauern. Unser Gott geht mit uns mit.“

„Glaube muss nicht in Gebäuden gelebt werden.“

Diana Habermann, seit 1989 in Lohheide lebende Ehrenamtliche der St.-Lamberti-Gemeinde, sprach für viele Betroffene. „Glaube muss nicht in Gebäuden gelebt werden. Da bin ich auch ganz bei Frau Bischöfin Gorka. Aber es hilft ungemein, dass man, wenn man richtig in Not ist, sich vor ein wunderschönes Bild wie diesen hier in eine kleine Kirche gesetzt zu haben“, sagt sie.

Sie leitete sieben Jahre Kinderbibelstunden, gestaltete Schaukästen und verband die Kirche mit ihrer Familie: Ihr Sohn weckte sie als Kind mit „Mama, die Glocken läuten, die läuten für uns“. „Das ist die Wohnstube unserer Kirchen und so werde ich sie in Erinnerung behalten“, fasste sie zusammen. Beim Abräumen der Sakralien brach es ihr buchstäblich das Herz: „Dieser Tag ist für mich wirklich schlimmer als die Beerdigung meiner eigenen Mama.“ Dennoch Ausblick: „Wir glauben trotzdem weiter und die Gemeinschaft lebt – in Bergen und untereinander.“

Der Wehmut ist den Gemeindemitgliedern nach der Profanierung des Gotteshauses anzumerken. Foto: Anne-Katrin Schwanitz

Zukunft ohne Türme: Abriss und neuer Glaube unterwegs

Die Bima plant einen raschen Rückbau, einvernehmlich mit Kirche und Gemeinde, um Verfall zu verhindern. Lohheider pilgern künftig nach Bergen zu Pastor Stahlmann und Anna Wißmann. Regionalbischöfin Gorka schloss: „Dieses Haus mit seinen 71 Jahren geht in den Ruhestand, prallvoll mit Erinnerungen. Auf dass niemand hier in der Finsternis bleibe!“ Die Kirche „Zum Guten Hirten“ bleibt Sinnbild einer Ära: Von Vertriebenen wie Hertha erbaut, von Generationen wie Fritz und Marie geliebt, nun Mahnung an schrumpfende Gemeinden. Gleichwohl gilt: Gott ist unterwegs – durch Heide, Herz und jenseits der Mauern.

Geschichte der Kirche „Zum Guten Hirten“

Die evangelische Kirche in der Siedlung Hasselhorst entstand als Zufluchtsort für Vertriebene am Rande des Truppenübungsplatzes Bergen-Belsen. Vor 1954 fanden Gottesdienste im Schulraum statt. 1954 folgten Grundsteinlegung und Richtfest als Symbol des Neuanfangs inmitten von Umsiedlungen. Am 19. Dezember 1954 wurde sie am vierten Adventssonntag eingeweiht, unter Beteiligung der Predikanten Seipold und Berndt. In den 1950er-Jahren erhielt sie ein großformatiges Altarbild von Rudolf Schäfer (Abendmahl), eine Orgel mit acht Registern und Glocken. Zeitweise zählte die Gemeinde bis zu 2.000 Mitglieder, mit Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten. Später erhielt sie den Namen „Zum Guten Hirten“ als Sinnbild für Trost in der Heide. Am 21. Dezember 2025 erfolgte die Entwidmung durch Regionalbischöfin Marianne Gorka.

Verfahren der Entwidmung in der Evangelischen Landeskirche Hannover

Verfahren der Entwidmung in der Evangelischen Landeskirche Hannover

Die Profanation ist ein liturgischer Akt mit Gottesdienst, Predigt und Gebeten; Sakralgegenstände wie Altar und Kreuz werden entfernt. Der Beschlussweg führt vom Kirchenvorstand über das Sprengelpräsidium zum Landeskirchenamt, dessen Zustimmung zwingend erforderlich ist. Voraussetzungen sind finanzielle Unhaltbarkeit – in diesem Fall 700.000 Euro Sanierungskosten – sowie sinkende Mitgliederzahlen. Bei Nachnutzung oder Verkauf prüft die Landeskirche streng, um „unangemessene“ Nutzungen zu vermeiden, die Nachbarn stören könnten. Abriss ist der häufigste Ausgang, besonders bei Käufen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima); Denkmalschutz ist nicht zwingend.