Liebe ohne Grenzen

Nachricht 20. Juni 2026

Andacht vom 20. Juni 2026

Foto: privat

Wie würdest du reagieren, wenn dein Bruder oder deine Schwester etwas bekommt, was du schon lange haben möchtest? Diese Frage habe ich den Kindern einer vierten Klasse vor ein paar Wochen gestellt, als ich mit ihnen die Geschichte vom verlorenen Sohn behandelt habe. Ich vermutete, dass sie ähnlich wie der ältere Sohn in der Geschichte mit Wut und Neid reagieren würden. Aber dies war nicht der Fall. Die meisten erzählten, dass sie sich mit ihrer Schwester oder ihrem Bruder freuen würden. Neid spielte bei ihnen keine Rolle. Durch ihre Antworten wurde mir deutlich, dass die Liebe zwischen Geschwistern häufig etwas ganz Besonders ist. Vielleicht verstehen Kinder manchmal besser als Erwachsene, was es heißt, sich über das Glück eines anderen zu freuen. 

Von einer besonderen Liebe erzählt auch die Geschichte vom verlorenen Sohn. Der jüngere Sohn lässt sich sein Erbe schon zu Lebzeiten des Vaters auszahlen. Er geht in ein fremdes Land und verschwendet dort sein ganzes Vermögen. Als es ihm schließlich schlecht geht, beschließt er, zu seinem Vater zurückzukehren und dort als Arbeiter zu leben. Aber sein Vater verzeiht ihm seine Fehler und begrüßt ihn mit offenen Armen. Er lässt das schönste Gewand für seinen Sohn holen und feiert ein großes Fest. Der Vater liebt seinen Sohn bedingungslos. Der ältere Sohn sieht das Fest, feiert aber nicht mit. Er ist verletzt und kann nicht verstehen, warum der Vater seinen jüngeren Sohn so empfängt. Der Vater verlässt das Fest, um mit ihm zu reden. Auch hier zeigt sich die bedingungslose Liebe des Vaters. Neid und Zorn sind Reaktionen, die ich in der heutigen Gesellschaft immer wieder erlebe. Sich gegenseitig etwas gönnen, fällt meines Erachtens vielen Menschen schwer.

Bedingungslose Liebe sieht Fehler, kennt Streit – und bleibt dennoch bestehen. Sie zeigt sich dort, wo wir uns selbst und andere Menschen mit ihren Stärken und Schwächen annehmen. Viele Menschen erleben eine solche Liebe in ihrer Familie oder in Freundschaften. Bedingungslos zu lieben ist nicht immer leicht. Es bedeutet, dass wir füreinander da sind, auch wenn es schwierig ist. Es bedeutet, dass wir Fehler verzeihen und immer wieder neu aufeinander zugehen.

Auch Gott liebt jeden Menschen und jedes Geschöpf bedingungslos. Wir müssen nicht perfekt sein, damit Gott uns annimmt. Wir dürfen Fehler machen und trotzdem auf Gottes Liebe vertrauen. 

Silke Kahmann, Vikarin in Munster